Die deutschen Gemeinschaftsempfänger

Ein historischer Rückblick 1:


In der Weimarer Republik, als der Rundfunk noch in den Kinderschuhen steckte, wurde versucht, politische Themen aus den Sendungen herauszuhalten. Die Sendungen bestanden häufig aus Musik, Kulturberichten und Bildungssendungen. Das änderte sich schlagartig, als in einer improvisierten, aber wirkungsvollen Aktion am 15. März 1933 - dem sogenannten "Tag von Potsdam" - die Ereignisse rund um die Reichstagseröffnung in der Potsdamer Garnisionskirche während einer mehrstündigen Direktübertragung im Rundfunk übertragen wurden.
Dem SA-Mann Eugen Hadamowsky gelang es mit Hilfe des NS-Innenministers Frick am Abend eine spontane Life-Übertragung mit Interviews und Reportagen zu übertragen, deren krönender Abschluß Ansprachen von Göring und Göbbels waren. Nur die süddeutsche Senderkette übernahm diese Sendung zum Ärger der neuen Machthaber nicht. Damit ware der Startschuß gefallen, den Rundfunk als staatliches Machtinstrument für Propagandazwecke einzusetzen und ihm somit eine völlig neue Qualität zu geben. Ein neu geschaffenes "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda", mit Joseph Goebbels an der Spitze sollte dafür sorgen, daß jeder Deutsche von der nazionalsozialistischen Ideologie erreicht wurde.

In einer Verordnung über die Aufgaben dieses Ministeriums vom 30 Juni 1933 hieß es im besten nazionalsozialistisch kolorierten Amtsdeutsch:
"Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ist zuständig für alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation, der Werbung für Staat, Kultur und Wirtschaft, der Unterrichtung der in- und ausländischen Öffentlichkeit über sie und der verwaltung aller diesen Zwecke dienenden Einrichtungen."
Die Konsequenzen für die Medien waren verheerend: Alle Sendeleitungen wurden mit linientreuen Parteigenossen besetzt und die "Gleichschaltung", die alle Institutionen erfaßte, machte auch vor den Rundfunkanstalten nicht halt.
Im April 1933 führten Mitarbeiter des Heinrich-Hertz-Institutes unter der Leitung von Prof. Leithäuser in ganz Deutschland Feldstärkemessungen durch. Sie hatten das Ziel, die Empfangsverhältnisse für die großen Reichssender auf der Mittelwelle und des Deutschlandsenders auf der Langwelle zu untersuchen. Im Ergebnis stellte man fest, daß es möglich war, überall mit einem einfachen Einkreis-Empfangsgerät mit Rückkopplung mindestens einen der zwischenzeitlich politisch gleichgeschalteten Sender zu hören.
Als Reaktion auf diese Erkenntnis beschlossen die neuen Machthaber noch im Frühjahr 1933 gegen die Stimmen der Funkindustrie, einen billigen Gemeinschaftsempfänger produzieren zu lassen, den Oberingenieur Otto Griesing (Chefkonstrukteur im Hause Seibt) in kürzester Zeit entwickelte. Die Emblemgestaltung - der rufende Adler - stammte vom W.M. Kersting.

Die Hauptaufgabe , die der neue Volksempfänger erfüllen sollte, wurde von amtlicher Seite wie folgt formuliert:

 " Der Volksempfänger soll unbedingt sicheren Empfang des jeweiligen Bezirkssenders im ganzen deutschen Reichsgebiet gewährleisten und zusätzlichen Empfang des Deutschlandsenders sicherstellen "

Um die Eignung des neuen Volksempfängers zu überprüfen wurden an 22 Punkten Deutschlands, so in Oberbayern, Stuttgart, Ulm, Freiburg, Thüringen, Schlesien, Mecklenburg und Bremen Versuche durchgeführt mit dem Ergebnis, daß überall Tagesempfang der Bezirkssender und des Deutschlandsenders einwandfrei möglich war.

Die Namensgebung des Empfängers, VE 301 geht auf die Ernennung Adolf Hitlers, der erst im Jahr zuvor deutscher Staatsbürger geworden war, zum Reichskanzler durch Paul v. Hindenburg. Dies geschah am 30.1.1933.

Zwei gewichtige Gründe bewogen die Strategen des Dritten Reiches, den billigen Massenempfänger auf den Markt zu bringen: Zum einen sollte er für "Arbeit und Brot" sorgen, zum anderen natürlich ein Sprachrohr von Partei und Regierung werden. Die Rechnung ging auf. Schon in der Planung als "politische" Geräte bezeichnet, wurden die Volksempfänger ihrer Aufgabe gerecht. 100.000 Geräte zum Stückpreis von 76 Reichsmark waren geplant. Das war gerade die Hälfte des Preises, den ein vergleichbarer Empfänger der billigsten Kategorie bisher kostete. Der sensationelle Preis sollte durch Reduzierung der Lizenzkosten, geringere Verdienstspanne bei der Herstellung und Handel, sowie durch die Massenfertigung von Einzelteilen ermöglicht werden.Zur Eröffnung der Funkausstellung in Berlin am 18.8.1933 stellte Reichspropagandaminister Goebbels den Volksempfänger VE301 vor.
Am Abend des selben Tages war die Sensation perfekt: Alle 100.000 Geräte sind an den Handel abgesetzt ! In aller Eile legt man weitere Bauserien auf; bis Ende Mai 1934 entstanden auf diese Weise unglaubliche 700.000 Stück. Dabei entfielen zunächst 75 % der Produktionsleistung auf Kleinhersteller und 25 % auf Großfirmen. Deren Absatz an teueren Geräten ging nicht, wie von Ihnen befürchtet, zurück - ganz im Gegenteil: Auch der Verkauf von Superhet-Empfängern stieg stetig an, und die Rundfunkindustrie boomte wie nie zuvor.

Die insgesamt 1.812.000 in Deutschland verkauften Rundfunkempfänger unterteilten sich wie folgt:
982.000 Stück kamen aus dem breiten Angebot sämtlicher Radiohersteller. Die restlichen 830.000, also fast die Hälfte der Gesamtproduktion, waren Volksempfänger.

Um den Verkauf der Volksempfänger anzukurbeln und möglichst rasch hohe Rundfunkteilnehmerzahlen zu erreichen, wurden neben dem Anreiz der Gebührenbefreiung bestimmter Volksschichten auch verstärkt Ratenkaufverträge angeboten. Diese waren so aufgebaut, daß dem Käufer ein kredit vom Elektrizitätswerk gewährt wurde, der als Radiorate mit der monatlichen Stromrechnung getilgt wurde.

Äußerlich unterscheiden sich die Modelle durch Bakelit- und Holzgehäuse. Der Käufer hatte aber nicht etwa die Wahl. Er mußte nehmen, was zu seinem Stromnetz paßte. Für Wechselstrom gab es nur die Bakelit-, für Gleichstrom und Batterie-Betrieb nur die Holzausführung.
Mit der Erstfertigung von einigen 10.000 Holzgehäusen konnte die Holzindustrie in Thüringen belebt werden; bei solchen planwirtschaftlichen Überlegungen mußten Käuferwünsche zurücktreten. Mit Preisen von 76 RM für die Gleich- und Wechselstrom- und 65 RM für die Batterie-Version (alle einschließlich Röhren) handelte es sich schließlich um außergewöhnlich preisgünstige Geräte.
Neue Modelle zum Ratenkauf des VE sollten es jeden "Volksgenossen" und jedem Haushalt ermöglichen, an den "Segnungen" des nazionalsozialistischen Rundfunks teilzuhaben, Die Devise lautete: " Ganz Deutschland hört den Führer"
Schon nach vier Jahren wurde der Preis des alten VE301W auf 59 RM gesenkt.
Als Übergangslösung kam 1937/38 eine verbesserte Version, der VE301Wn für 65 RM auf den Markt. Ein knappes Jahr später ersetzen zwei neue Modelle, der VE301dyn für 65 RM und der DKE (Deutscher Kleinempfänger) für 35 RM den alten VE301. Diese Typen zeigten nun auch äußerlich, was seit 1933 aus dem Lautsprecher kam: Das Hakenkreuz, als in das Gehäuse eingepreßtes Symbol, hatte den bisherigen Rundfunkadler abgelöst.

 

Zusätzlich zu den Gemeinschaftsempfängern für den privaten Gebrauch wurde noch ein weiteres Gerät entwickelt: der Deutsche Arbeitsfront-Empfänger DAF 1011; damit auch im Betrieb, beim Reichsarbeitsdienst oder in der Kaserne jeder Deutsche für die Propaganda erreichbar war. Der Name DAF 1011 lehnte sich ebenfalls an ein Datum an: Am 10.11.1933 hatte Hitler eine im Rundfunk übertragene Rede vor Arbeitern im Siemens-Werk gehalten.

Der Kriegsbeginn im September 1939 bedeutete auch für die Funkindustrie eine zunehmende Umstellung auf die Rüstung. In den Kriegsjahren entstanden daher verhältnismäßig wenig Gemeinschaftsempfänger; und dann fast nur noch in Kleinbetrieben, ja sogar in Heimarbeit oder auch in den besetzten Gebieten.

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1) Quellenangaben: "Die deutschen Gemeinschaftsempfänger" von Martin Steyer, erschienen im Funkamateur 2/97
                             "Historische Radios - Eine Chronik in Wort und Bild" von Günther F. Abele