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Agent Orange © VVA Michigan
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Die fatale Wirkung von Chemikalien tritt nach Unfällen
oder Kriegen besonders drastisch zu Tage - wie beim folgenschwere
Chemieunfall von Sevoso, bei dem zur Kriegsführung im Vietnam
verwendeten Pestizid "Agent Orange" oder den im Golkrieg
zum Einsatz gebrachten chemischen Waffen, die im Verdacht stehen,
unter den amerikanischen Veteranen zu schweren gesundheitlichen
Schäden geführt zu haben.
Doch auch über
die krankmachende Wirkung von wohldosierten "zivilen"
Umweltgiften ist einiges bekannt: Asbest fördert Lungenkrebs,
Lösemittel wie Terpentine können Organschäden
hervorrufen und dem seit 1989 verbotenen Holzschutzmittel
Pentachlorphenol wird eine nervenschädigende Wirkung
nachgesagt. Doch nicht nur solche Wohnraumgifte setzen dem
Menschen zu. Mit Pestiziden in Obst und Gemüse, Dioxinen in
Milchprodukten und Fleisch, Schwermetallen im Trinkwasser nimmt er
einen täglichen Giftcocktail zu sich.
"Ganz normale" Chemie? Mal ganz abgesehen von diesen
Umweltgiften, das alltägliche Lebensumfeld strotzt vor "ganz
normaler" Chemie: Künstliche Farb-, Geschmacks-, und
Konservierungsstoffe in der Nahrung, synthetische Duftstoffe in
Kleidung, Kosmetika oder Waschmitteln. So kommt der Mensch in
seinem normalen Alltag mit Tausenden von Chemikalien in Kontakt.
Von den wenigsten der heute weltweit über 80.000 Chemikalien
ist jedoch bekannt, wie sie auf den menschlichen Organismus wirken
- und jedes Jahr kommen etwa 1.500 Neue hinzu.
Die
Chemikalisierung aller Lebensbereiche bleibt nicht ohne Wirkung.
Höchst alarmiert machen Umweltmediziner auf den rasanten
Anstieg und das Ausmaß umweltbedingter Erkrankungen
aufmerksam. In Deutschland leidet bereits jeder Dritte an
Allergien, chemische Substanzen gelten als wichtige Ursache.
Sorgen bereitet auch die miserable Spermienqualität deutscher
Männer - auch hierfür werden Umweltgifte verantwortlich
gemacht.
Chronisches Müdigkeitssyndrom Immer mehr Menschen leiden
heute unter diffusen Krankheitsanzeichen wie Müdigkeit,
Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder
Konzentrationsschwäche, häufig auch als "Chronisches
Müdigkeitssyndrom" bezeichnet. Neben Umweltgiften und
dem Zahnfüllstoff Amalgam machen Umweltmediziner die
fortschreitende Chemikalisierung aller Lebensbereiche dafür
verantwortlich. Dabei wurden gerade die Gefahren, die von den
"alltäglichen" Chemikalien ausgehen, lange Zeit
völlig unterschätzt.
Multiples Chemikaliensyndrom Wie schwerwiegend solche Störungen
sein können, zeigt sich auch an einer wachsenden Zahl von
Menschen, die plötzliche Überempfindlichkeiten gegenüber
chemischen Substanzen ausbilden. Sie leiden unter dem so genannten
"Multiplen Chemikaliensyndrom" (MCS). Die Symptome
reichen hier von Kopfschmerzen und Übelkeit bis hin zu
lebensbedrohlichen Schockzuständen, die mit Atemstillstand
und Nierenversagen einhergehen können. Eine von der EU in
Auftrag gegebene Studie zeigt, dass die Krankheit in einer
besorgniserregenden Geschwindigkeit wächst. So sind
MCS-Betroffene keine Seltenheit mehr, in Deutschland gibt es
schätzungsweise bereits Zehntausende.
Chemieopfer oder Hypochonder? Die gesamte Thematik besitzt
eine weitreichende gesundheitspolitische Dimension, die die
Ärzteschaft zunehmend in zwei Lager spaltet. Schulmediziner
streiten häufig eine Erkrankung ab. Denn die
Krankheitssymptome der Betroffenen lassen sich in der Regel durch
die üblichen Diagnoseverfahren nicht erfassen, Blut und Urin
der Patienten ergeben nur selten bedenkliche Werte.
Doch
deswegen ließen sich die Beschwerden noch lange nicht als
irrelevant abtun, entgegnen Umweltmediziner. Falsche oder fehlende
Diagnosemethoden und der Umstand, dass es sich bei
Umwelterkrankungen zumeist nicht um akute sondern um eine
chronische Belastung des Organismus handle, seien der Grund für
den oft mangelnden organischen Befund.
Von den
Schulmedizinern oft als gewöhnliches Formtief oder
vorübergehende Befindlichkeitsstörung eingeordnet,
werden eine Vielzahl von Krankheitssymptomen nicht als
umweltbedingte Erkrankung, sondern als psychosomatische Störung
diagnostiziert.
Wer hat Recht? Machen die Umweltgifte oder
nur die Angst vor ihnen krank?
"Die Geister die ich rief" Der Giftkreislauf In
jedem noch so unbewohnten Winkel der Erde, in den Eismassen der
Pole oder im Fettgewebe von Tieren lassen sie sich nachweisen:
Umweltgifte. Sie stammen aus Abwässern und Abgasen von
Industrie und Verkehr, aus landwirtschaftlichen Einsatz von
Pestiziden und Kunstdüngern, aus der Verklappung von
Giftmüll. Durch Windzirkulation und Wasserkreislauf über
große Entfernungen transportiert, reichern sie sich - zum
Teil schwer wieder abbaubar - in Natur und Nahrungskette an.
Industrie-Emissionen © NasaAls Endglied der
Nahrungskette nimmt der Mensch Umweltgifte in hohem Maße
auf. Wie dieser Giftkreislauf funktioniert, zeigt sich
eindrucksvoll am Beispiel des Schadstoffs Dioxin, das bei der
Herstellung von Chemieprodukten, der Metallverarbeitung und bei
Verbrennungsvorgängen entsteht und über belastete
Abwässer, Autoabgase, der Abluft von Chemiefabriken und
Müllverbrennungsanlagen in die Umwelt freigesetzt wird.
In
Gewässern, Böden und Weidegras angereichert, gelangt es
in den Organismus von Fischen, Geflügel, Rindern und
Schweinen. So kommt der Mensch nicht umhin, beim Verzehr von
Milchprodukten, Fisch und Fleisch seine tägliche Dosis Dioxin
- rund 20 Pikogramm pro Kilogramm Körpergewicht -
aufzunehmen. Und das Gift setzt sich auch im menschlichen
Fettgewebe hartnäckig fest: So werden in der Muttermilch
häufig die höchsten Dioxinwerte überhaupt gemessen.
Ein gestillter Säugling kann an einem Tag zu einer Dosis von
bis zu 346 Piktogramm pro Kilogramm Körpergewicht kommen.
Aber auch Chemikalien, die nicht wie Dioxine flächenhaft
in die Umwelt entweichen oder wie Dünger und Pestizide
großzügig verteilt werden, verbreiten sich großräumig.
Dies zeigte sich in der Verwendung der zum Schutz von
Teppichböden, Schuhen, Papier in einem US-amerikanischen
Bundesstaat eingesetzten polyflourierten Sulfonate. Trotz des nur
lokalen Einsatzes der Chemikalie konnte diese im Fettgewebe von
Eisbären, von Schildkröten am Mississippi und von
Delphinen im Ganges nachgewiesen werden.
Umweltgifte stören
Ökosysteme nachhaltig. Die meisten Agrar- und
Industriechemikalien ahmen die Wirkung von Sexualhormonen nach, so
dass es bei Säugetieren, Reptilien, Vögeln und Fischen
zu Vermännlichungs- bzw. Verweiblichungserscheinungen kommt.
Durch die "Zwittrigkeit" ist die Fortpflanzungsfähigkeit
herabgesetzt, ganzen Populationen droht der Exitus.
Doch
die Gifte können noch unmittelbarere Folgen haben. Die in der
Fettschicht der Tiere gespeicherten Verbindungen wie Dioxine,
Furane, DDT oder PCB schwächen das Immunsystem derart, dass
selbst harmlose Infektionen zum Tode führen können. So
wird das massenhafte Robbensterben am Baikalsee - 1987 raffte ein
Virus rund 10.000 Robben dahin - auf die ursächliche Wirkung
von Umweltgiften zurückgeführt.
Stoffe wie
Zinnverbindungen aus Schiffsanstrichen, Pilz- oder Insektengifte
wie PCP, Lindan oder DDT sind in vielen Ländern mittlerweile
verboten worden. Doch mit einem Verbot ist das Problem nicht
unbedingt gelöst, denn die Gifte wird man so schnell nicht
mehr los. Die Belastung der Umwelt wird noch über lange
Zeiträume andauern.
Leckere
Pestizid-Paprika Der jüngste Lebensmittelskandal Der
Verbraucher ist einiges gewohnt: Hormonbelastetes Schweinefleisch
wird von dioxinverseuchten Geflügel abgelöst und
umgekehrt. Nun reiht sich mit den "Pestizid-Paprika"
einer neuer Lebensmittelskandal ein. Eine von der
Umweltschutzorganisation "Global2000" in Auftrag
gegebene Untersuchung brachte hervor: Mit einer einzigen
spanischen Paprika nehmen Konsumenten einen Giftcocktail von acht
verschiedenen Pestiziden auf. Sechs dieser Stoffe werden von der
WHO als für den Menschen giftig, einer davon - Cypermethrin -
sogar als hochgiftig eingestuft. Und der Wirkstoff Pyrazophos ist
in der EU eigentlich verboten.
Natürlich sind nicht
nur die spanischen Paprika pestizidverseucht. Auch in Österreich
wurde bei Rucula schon eine 200-fache Überschreitung des
Grenzwertes für das Pestizid Dichloran festgestellt.
Pestizidrückstände finden sich heute in fast allen
Lebensmitteln. Eine EU-Kommission schlug 2001 in ihren Bericht zu
"Rückständen von Schädlingsbekämpfungsmitteln"
Alarm: In den Analysen von 40.000 Lebensmittelproben war fast
jedes zweite europäische Produkt verunreinigt.
Pestizide
sind krebserregend, erbgutschädigend und allergieauslösend.
Das Hormon- und Nervensystem des Menschen beeinflussend, können
sie Unfruchtbarkeit, Früh- und Fehlgeburten und chronische
Nervenkrankheiten hervorrufen. Gerade in ihrem Zusammenspiel als
"Giftcocktail" wirken sie besonders verheerend.
Pestizidverwendung © USDADie Pestizidverwendung in der
europäischen Landwirtschaft steigt indes noch weiter an -
ohne einheitliche Richtlinien, die ihren Einsatz steuern. Europa
entwickelt sich zum wahren Pestizidmarkt. Allein in Spanien wurden
1997 Pestizide im Wert von 547 Millionen Euro verkauft und auch
angewandt: In den Gewächshäusern des "mar del
plastico", des "Plastikmeers" der südspanischen
Region Almería werden Tomaten, Paprika, Erdbeeren und
Gurken für die in den Wintermonaten leeren Regale der nord-
und mitteleuropäischen Supermärkte produziert. Ein
Hektar bringt dabei 160 Tonnen Tomaten hervor - durch den Einsatz
von 40 Kilogramm Pestiziden pro Hektar.
Ungesunder
Cocktail Gift aus dem Wasserhahn
Ludwig van Beethoven © KaraderBlei setzte schon
Ludwig van Beethoven zu. So erheblich, dass es bei ihm nach langer
Leidenszeit schließlich zum Tode führte. Doch wie
konnte es dazu kommen? Wohl um sich zu inspirieren, trank der
Komponist bevorzugt und in großen Mengen Weißwein. Und
den pflegten die Winzer nicht mit Rohrzucker, sondern mit
billigeren Bleizucker zu versüßen. So litt der
zunehmend deprimierte und gereizte Beethoven unter schweren
Darmkoliken, Nieren- und Leberschmerzen. Der Versuch sein Leiden
mit dem billigen Fusel zu betäuben, machte es nur noch
schlimmer.
Ans Licht kam die Tragödie durch die
Analyse seiner Haare, die dem 1827 Verstorbenen kurz vor seiner
Beerdigung im Büschel abgetrennt worden waren. Ein lohnendes
Unterfangen, wie sich später herausstellen sollte. Denn die
Haaranalyse ergab: Nicht etwa wie angenommen an Syphilis, sondern
an einer Bleivergiftung war das Genie gestorben. Seine Haare
wiesen das Hundertfache üblicher Bleiwerte auf.
Wein
enthält heutzutage - außer Frostschutzmittel vielleicht
- gottlob kein Blei mehr. Dennoch rinnt das giftige Schwermetall
aus ganz anderen Quellen: aus dem Wasserhahn. Viele Haushalte,
insbesondere Altbauwohnungen, werden noch über alte Bleirohre
mit Trinkwasser versorgt - und die zulässigen Grenzwerte
dabei stark überschritten. In Wien ergaben Untersuchungen
einen Spitzenwert von 849 Mikrogramm Blei pro Liter Trinkwasser.
Die WHO empfiehlt einen Maximalwert von 10 µg Blei pro
Liter. EU-weit hat man sich sogar auf nur 50µg geeinigt. Ein
Wert, der oft überschritten wird.
Das Schwermetall
wirkt schon im Mikrobereich als chronisches Gift. Neben
"bleierner" Müdigkeit, Bauchkrämpfen, Kopf-
und Gliederschmerzen kann es irreperable Nierenschädigungen
hervorrufen. Es lagert sich langfristig im Organismus ab, noch
nach zehn Jahren kann es in den Knochen nachgewiesen werden.
Doch
aus dem Wasserhahn fließt nicht nur Blei allein, sondern
nicht selten ein Cocktail aus Schwermetallen, Pestiziden, Nitraten
und Kohlenwasserstoffen. Zwar regelt in Deutschland die
Trinkwasserverordnung die Reinheit des Wassers, die Werte beziehen
sich jedoch auf die Qualität beim Erzeuger - dem Wasserwerk -
und nicht auf die beim Endverbraucher.
Vom Wasserwerk bis
zu den Haushalten kann jedoch noch viel passieren: Nicht nur die
Bleirohre der Wohnhäuser können das Wasser vergiften, im
gesamten Leitungsnetz der öffentlichen Wasserversorgung
existieren Schwachstellen. Auch hier können Lötstellen
oder Anschlussleitungen Blei abgeben, die Rohre werden zudem
häufig mit Bitumen - das Kohlenwasserstoffe freisetzt -
abgedichtet, Leckagen in Abwasserleitungen können das
Trinkwasser zusätzlich verunreinigen.
Doch damit
nicht genug. Höchst alarmierend ist allein schon die
Belastung des Grundwassers. Mit Nitraten, Phosphaten und
Pestiziden aus landwirtschaftlichen Einsatz überfrachtet,
enthält das an den Brunnen geförderte Wasser oftmals so
hohe Mengen an Schadstoffen, dass die zulässigen Grenzwerte
der Trinkwasserverordnung überschritten werden. Insbesondere
der Nitratwert ist meistens viel zu hoch, so dass unbelastetes
Wasser hinzugemischt werden muss - oft nur soviel, bis die Werte
so eben unterschritten werden.
Das Beispiel Nitrat zeigt,
wie schwierig generell die Festlegung von Grenzwerten ist:
Grenzwerte sind relativ und beziehen sich nicht nur auf die
Schädlichkeit der zu regelnden Stoffe. Nicht selten werden
sie bei Zunahme der Verschmutzung just heraufgesetzt oder per
Verordnung sogar ignoriert - oft je nach politischer Couleur.
Schlechte Luft
Zuhause Das Sick-Building-Syndrom Für die Belastung
seines Wohnumfeldes sorgt der Mensch zum Großteil selbst.
Mit seinen alltäglichen Aktivitäten wie Kochen, Putzen
oder Heizen verpestet er die Luft. Und erst das Rauchen in
geschlossenen Räumen. Der blaue Dunst enthält massenhaft
Schadstoffe wie Kohlenmonoxid, Stickoxide, Aldehyde, Nitrosamine
und Formaldehyd. Aber nicht nur Raucher und deren Mitbewohner
leben ungesund. So setzen passionierte Hobbybastler durch den
Umgang mit Lösungsmitteln, Lacken, Abbeizmitteln oder Klebern
schädliche Stoffe in so hoher Konzentrationen frei, dass die
für gewerbliche Nutzung festgelegten Grenzwerte oftmals bei
weiten überschreiten werden.
Doch auch die gesamte
Raumausstattung - Möbel, Teppiche, Tapeten, Laminatboden,
Wandfarbe, Holzverkleidungen, Baustoffe - gibt nicht selten in
kleineren oder größeren Mengen Giftstoffe von sich. Die
Luftqualität der Innenräume hat sich aufgrund moderner
Baustoffe und Bauweisen im Vergleich zu früher drastisch
geändert. Seit Ende der 60er Jahre verdrängten neuartige
Baustoffe wie Spanplatten, Spritzasbest, Betonzusatz- oder
Holzschutzmittel die zuvor verwendeten Naturbaustoffe.
Die
Bau- und Zusatzstoffe enthalten chemische Zusätze wie
Phenole, Formaldehyd, Kohlenwasserstoffe, Asbest, Dioxine und
Pestizide. Gerade der Schadstoff Formaldeyd kommt quasi ubiquitär
vor. Die Palette von Produkten, die auf Grundlage dieser
Verbindung hergestellt wurde, ist groß: Spanplatten, Glas-,
Steinwollfaser, Hartschaum, Möbel, technische Geräte,
Farben, Lacke, Gardinen, Textilien.
Die Wachstumsrate der
neuen Produkte gelangte zu einem Maximum, als die Erfahrungen mit
möglichen Nebenwirkungen noch gering waren. In Folge der
Erdölkrise in den 70er Jahren wurden Häuser zudem
abgedämmt und isoliert, was das Zeug hielt. Dabei wurden
nicht nur schädliche Materialien eingesetzt, sondern auch der
Luftaustausch nach draußen unterbunden.
Erst
Jahrzehnte nach Einführung der Produkte wurden Zusammenhänge
zwischen den neuen Baustoffen und möglichen gesundheitlichen
Schäden wahrgenommen. So wurde erst 1989 das mit PCP und
Lindan verunreinigte Holzschutzmittel Xyladecor auf Grund seiner
nervenschädigenden Wirkung verboten.
Doch nicht nur
die Wohnung, auch die Raumluft vieler Kindergärten und
Schulen ist belastet. So wurde unlängst in einer
großangelegten Studie die Luft in 50.000 deutschen
Kindergärten gemessen. Viele wiesen erhöhte Werte an
Lösungsmittel und leicht flüchtigen organischen
Verbindungen auf. Dabei konnte zwar der Rückgang klassischer
Lösungsmittel wie Toluol, Xylol, Benzol nachgewiesen werden,
zugenommen hatten jedoch die in Biofarben enthaltenen Terpene.
Besonders der Arbeitsplatz jedoch bleibt von giftigen
Ausdünstungen nur selten verschont. Zu den Schadstoffen, die
aus Schreibtisch und Teppich frei werden, gesellen sich giftige
Gase aus Computermonitoren, Druckern und Kopierern. Zugaben
chemischer Duft- oder Desinfektionsmittel zum Befeuchtungswasser
von Klimaanlagen tun ihr übriges. So leiden besonders
Büroangestellten unter den ganz klassischen Beschwerden wie
Kopfschmerzen, Augenreizungen, Erschöpfung, dem so genannten
Sick-Building-Syndrom, was zu Deutsch etwa soviel heißt wie
"krank-machendes Gebäude".
Eine Untersuchung
des "Pro Klima - Forschungsprojekts" um Umweltmediziner
Dr. Wolfgang Bischof brachte dabei interessantes zu Tage: Je höher
die Zufriedenheit bei der Arbeit und je besser das psychosoziale
Klima im Büro ist, desto weniger Sick-Building-Beschwerden
bilden sich aus. Dennoch spielen beim Raumklima auch Chemikalien
eine Rolle. So konnten Messungen beispielsweise die von den
Angestellen beklagten Augenreizungen durch entsprechend erhöhte
Schadstoffwerte bestätigen. Auch waren die Beschwerden nicht
eingebildet. Die gereizten Augen wurden durch anschließende
Untersuchungen beim Augenarzt in den meisten Fällen
medizinisch bestätigt.
Verbot des "dreckigen
Dutzend" DDT, PCB & Co Dem "Dreckigen
Dutzend" soll der Garaus gemacht werden. Dies beschlossen im
Mai vergangenen Jahres 100 Staaten im Rahmen der Stockholmer
"POP-Konvention". "POP" heißt soviel wie
Persistant Organic Pollutants, also in der Umwelt besonders
hartnäckig verbleibende Schadstoffe, die sich in der
Nahrungskette anreichern und extrem gesundheitsschädlich
sind. Herstellung, Anwendung und Verkauf von zwölf dieser
überaus giftigen Stoffe - wie das Pflanzenschutzmittel DDT,
Polychlorierte Biphenyle PCB, Dioxinen und Furane - sollen
weltweit verboten werden.
Innerhalb der EU sind die
Pflanzenschutzmittel unter den POP schon lange nicht mehr erlaubt.
Andere Stoffe wie PCB und Dioxine werden noch verwandt, es gelten
jedoch vergleichsweise scharfe Bestimmungen. In den
Entwicklungsländern dagegen sieht die Lage ganz anders aus.
Die giftigen Pflanzenschutzmittel werden noch reichlich versprüht,
zudem lagern dort nach Schätzungen noch etwa eine halbe
Millionen Tonnen der bald verbotenen Chemikalien. Ein nicht
unbeträchtlicher Teil stammt dabei aus Industrieländern,
die sich auf diese Weise ihrer giftigen Altlasten entledigen.
Giftmüllexporte der besonderen Art stellen die
Verschrottung von Hochseeschiffen dar. Indien dient als größter
Schiffsfriedhof der Welt, 70 Prozent aller Schiffe werden hier
ausgeschlachtet. Neben den giftigen TBT-haltigen Schiffsanstrichen
- allein in der EU werden jährlich 1300 Tonnen der
zinnorganischen Verbindung verwendet - enthalten die Einbauten der
in die Jahre gekommenen Ozeandampfer zudem Tonnen von
Schwermetallen, PCP und Asbest.
Fünf Jahre wird es
wohl noch dauern, bis der in Stockholm unterzeichnete Vertrag in
Kraft tritt. Deutschland ratifizierte als eines der ersten Ländern
Anfang Mai diesen Jahres die Konvention. Bundesumweltminister
Trittin wertet dies als bedeutsamen Schritt beim Aufbau eines
umfassenden internationalen Chemikalienmanagements.
Versagen der
EU-Chemikalienpolitik Tausende gefährliche Chemikalien im
Umlauf Angesichts von Tausenden, nicht unbedenklichen
Chemikalien, die weltweit in Umlauf sind, erscheint das Verbot des
"Dreckigen Dutzend", der zwölf besonders giftigen
Substanzen - als ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn die
Chemische Industrie bringt noch immer gefährliche Umweltgifte
auf den Markt: Krebserregende Flammschutzmittel, die aus Computern
ausgasen, giftige Weichmacher in Kinderspielzeug,
Kunststoffzusätze, die hormonelle Veränderungen
bewirken.
So kommt der Mensch im Alltag mit Zehntausenden
Chemikalien in Kontakt, von denen niemand weiß, wie
gefährlich sie tatsächlich sind. Innerhalb der letzten
sechs Jahre sind nach Greenpeace-Umweltexperte Manfred Kautter nur
etwa 19 der rund 50.000 Chemikalien - die allein auf dem
europäischen Markt existieren - auf ihre Auswirkungen für
Mensch und Umwelt untersucht worden. Obwohl bei 14 dieser 19
Chemikalien schwerwiegende Risiken bekannt sind, habe die EU bis
heute in keinem einzigen Fall Gegenmaßnahmen erarbeitet. So
würden selbst anerkanntermaßen gefährliche Stoffe
nicht verboten.
Der Chemie-Experte wirft der
EU-Chemikalienpolitik eklatantes Versagen vor. Die 1993 in Kraft
getretene EU-Chemikalienverordnung sieht Bewertung und Kontrolle
der auf dem Markt befindlichen Chemikalien vor. Das dies nur allzu
schleppend umgesetzt wird, läge in den umfangreichen und
komplizierten Prüfungsverfahren der Industrie. "Bei dem
gegenwärtigen Schneckentempo dauert die Chemikalienbewertung
noch bis zu 25.000 Jahre."
Nichts bleibt verschont
Die Chemikalisierung aller Lebensbereiche Ob der Riegel im
Handyformat, die Süßigkeit, die so leicht ist, dass sie
in Milch schwimmt oder die Frühstückscerealien, die eben
nicht staubtrocken sind - Lebensmittelchemiker kriegen alles hin.
In ihren Labors basteln sie am optimal verkaufsfördernden
Lebensmittel, das den Kunden in Form, Farbe und Geschmack maximal
anspricht - und ihm zugleich das entsprechende Lebensgefühl
suggeriert. Speziell ausgebildete Testpersonen lassen sich das
"Design-Food" vorab auf der Zunge zergehen und
beurteilen so das sich beim Kauen und Schlucken einstellende
sensorische Empfinden.
Bei der Verwirklichung der
appetitanregenden Lebensmittel helfen zumeist chemische Zusätze:
Farbstoffe, Aromen, Geschmacksverstärker,
Konservierungsstoffe, Emulgatoren, Trennmittel, Stabilisatoren.
Als so genannte "E-Nummern" deklariert, sind sie die
Kosmetika für Lebensmittel. Und denen kann der Verbraucher
kaum mehr entgehen. Schon beim Verzehr eines unspektakulären
Stück Käses isst er reichlich E-Nummern in Form von
Farb- und Konservierungsstoffe mit, der Geschmack
durchschnittlicher Suppen oder Fertiggerichte wird durch E 621
-Natriumglutamat - verfeinert. Besonders der Griff in die
Chipstüte oder der Gang ins China-Restaurant wird mit
übermäßig viel Geschmacksverstärker bestraft.
Doch nicht nur die Nahrungsmittel, auch Kleidung,
Kosmetika, Medikamente, Putz- oder Waschmittel sind gespickt mit
chemischen Zusatzstoffen. Kein Lebensbereich bleibt vor der
Chemikalisierung verschont. Weltweit sind ca. 80.000 Chemikalien
in Gebrauch und jedes Jahr kommen über 1.500 neue hinzu. So
enthält nicht nur Parfüm, sondern sämtliche
Kosmetika, wie Seifen, Shampoos, Deos, Sprays, Cremes oder
Toilettenpapier synthetische Duftstoffe. Die Duftmacher allein
können schon mehr als 4000 verschiedene Chemikalien
enthalten. Doch damit nicht genug. Zu den Duftstoffen gesellen
sich noch andere: Konservierungsstoffe, Farbstoffe, antibakteriell
wirkende Stoffe, waschaktive Substanzen, Weichmacher,
Bleichmittel.
Und nun zu den eigentlich gar nicht
beabsichtigten chemischen Beimengungen, den Umweltgiften:
Pestizide im Gemüse, Medikamente im Schweinefleisch, Dioxine
in Milchprodukten, Biphenol A in Plastikflaschen und Blechdosen,
PVC-Weichmacher in Kinderspielzeug. Forschern des Jülicher
Forschungszentrums gelang zudem der Nachweis von Nonylphenolen,
Abbauprodukte einer Industriechemikalie, in fast allen
Lebensmitteln. So nimmt der deutsche Normalverbraucher nach ihren
Berechnungen mit seiner Nahrung etwa 7,5 Mikrogramm der Chemikalie
auf. Wie diese Substanz, die eigentlich nur in Industrie- und
Haushaltsreinigern gehört, in Lebensmittel - darunter auch
Bioprodukte, Säuglingsnahrung und Muttermilch - gelangen
kann, ist nach wie vor unklar.
Krankmachende Chemie
Männer bald zeugungsunfähig? All die chemischen
Stoffe in seinem Lebensumfeld atmet der Mensch ein, nimmt sie über
die Haut oder beim Verzehr über den Magen-Darm-Trakt auf. Sie
lagern sich in Fettgewebe und Organen ab und werden nur schwer
wieder ausgeschieden. Nach Patricia Cameron, Chemieexpertin des
WWF, trägt heute jeder Mensch auf diese Weise in seinem
Körper Hunderte von synthetischen Substanzen mit sich.
Und
das bleibt auch nicht ohne Wirkung auf den menschlichen
Organismus. Die E-Nummern, die Lebensmittel-Zusatzstoffe, sind
zwar "von Amts wegen ungiftig", damit jedoch lange noch
nicht unbedenklich. So ist der wegen seiner pilztötenden
Wirkung bei Zitrusfrüchten eingesetzte Konservierungsstoff E
232 strenggenommen ein Pestizid. Im Tierversuch führt er zu
Blasenkrebs. Der Farbstoff E 102 steht in Verdacht Allergien
auszulösen, das Antioxidans E 310 führt bei Säuglingen
zu lebensbedrohlicher Blausucht.
Auch das Deutsche
Institut für Ernährungsmedizin und Diätik (DIET) in
Aachen weist darauf hin, dass Kopfschmerzen, Hitzegefühl und
Übelkeit von bestimmten Lebensmitteln ausgelöst werden
können. Auf Zusatzstoffe wie der Geschmacksverstärker
Natriumglutamat reagiere ein Drittel der Deutschen mit derartigen
Beschwerden, auch als "China-Restaurant-Syndrom"
bezeichnet.
Viele der Chemikalien, denen der Mensch in
seiner Lebensumwelt ausgesetzt ist, stehen mittlerweile in
Verdacht, Allergien auszulösen, das Immun- und Nervensystem
und vor allem den Hormonhaushalt nachhaltig zu schädigen. So
wirken PVC-Weichmacher, Biphenol A aus Blechdosen, und
Nonylphenole in Lebensmitteln vor allem hormonell. Die
PVC-Weichmacher schädigten im Tierversuch Niere, Leber und
Fortpflanzungsorgane. Biphenol A störte schon in geringsten
Dosen die Fortpflanzungsfähigkeit von Ratten. Nonylphenole
verhalten sich im Körper östrogen-aktiv, dies kann zu
Fertilitätsstörungen bis hin zu Krebs führen. Bei
Mädchen können östrogen-aktive Substanzen Frühreife
auslösen, bei Männer hingegen zu Unfruchtbarkeit führen.
Spermien © CDCNicht umsonst sinkt die Spermienquantität
und -qualität europäischer Männer
besorgniserregend. Bei der Spermienkonzentration ist ein Rückgang
von 70 Prozent in den letzten vier Jahrzehnten zu beobachten. Auch
die Beschaffenheit und Beweglichkeit der Spermien lässt zu
Wünschen übrig. So liegt die Spermienqualität bei
fast der Hälfte der Männer sogar unterhalb der von der
WHO festgelegten Fruchtbarkeitsgrenze.
Auch die harmlos
erscheinenden Duftstoffe in vielen Produkten sind ganz und gar
nicht ungefährlich. Gerade die Duftmacher besitzen nach dem
Toxikologen Professor Max Daunderer ein erhebliches
toxikologisches Potential, sie sind nerven- und muskelschädigend.
Kein Wunder also, dass 1995 in den Stuttgarter Nachrichten die
Meldung zu lesen war: "Elf junge Algerier starben bei dem
Versuch, sich mit einem Parfüm der einheimischen Marke
"Cardinal" zu berauschen."
Wenn die Chemie nicht
mehr stimmt "Allergisch" aufs Leben Der
Pharmakologie-Professor konnte es sich nicht erklären. Warum
tränten ihm beim Lesen seiner Arbeitsunterlagen die Augen und
brannte das Gesicht so unerträglich, als stächen tausend
Nadeln in seine Haut. Und warum entwickelte das Papier bloß
so einen bestialischen Gestank? Auch blieben diese Symptome nicht
lange auf den Kontakt mit Papier und Druckerschwärze
beschränkt, sondern weiteten sich auch auf andere alltägliche
Gegenstände oder Tätigkeiten aus: die neue bügelfreie
Hose, der Gang durch ein Einkaufszentrum, eine Fahrt im
klimatisierten Auto oder aber das Schreiben mit Filzstiften.
Das
Leiden des Pharmakologie-Professors ist kein Einzelfall. Es gibt
mittlerweile viele Menschen, die bei nur kleinsten Spuren von
Chemikalien mit körperlichen Beschwerden reagieren: Menschen,
die in Drogerien, Baumärkten oder Schuhgeschäften mit
Kopfschmerzen oder gar Atemnot zu kämpfen haben oder denen
von dem Haarspray oder Parfüm ihrer Mitmenschen stark übel
wird. Und es werden immer mehr. In die Arztpraxen kommen zunehmend
Patienten, die über eine Reihe unspezifischer Beschwerden wie
extreme Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit,
Verwirrtheit, Konzentrationsschwäche, Schwindel, motorische
Störungen, Herzrasen oder Atemnot-Attacken klagen.
Umweltmediziner ordnen derartigen Symptomen immer öfter
der Diagnose "Chemikaliensyndrom" zu. Darunter fällt
in erster Linie die so genannte Multiple Chemische Sensibilität
(MCS), aber auch das Chronische Müdigkeitssyndrom (CMS) oder
das Sick-Building-Syndrom (SBS). Nach Schätzungen sind in
Deutschland von MCS bereits Zehntausende betroffen. In den USA
gehen Umweltmediziner sogar von über 10 Millionen aus.
Nervenzellen © CDCMCS wird als "toxisch
induzierter Toleranzverlust auf Chemikalien" verstanden. Die
diffusen Gesundheitsstörungen betreffen zumeist mehrere
Organsysteme, vor allem das Nerven-, Immun-, Kreislauf- und
Hormonsystem, entsprechen jedoch keinem genauen Krankheitsbild.
Umweltmediziner gehen von schwerwiegenden Stoffwechsel- und
Nervenstörungen aus, die obwohl physiologisch in den
seltensten Fällen erklärbar, sich in der extremen
Empfindlichkeit des Organismus gegenüber Chemikalien äußern.
Die Überempfindlichkeit treten bevorzugt bei Menschen
auf, die Chemikalien in großen Konzentrationen - etwa bei
Chemieunfällen - ausgesetzt waren. Aber auch kleine Dosen,
die über lange Zeiträume kontinuierlich wirken, können
zur Ausbildung der Krankheit führen. Als klassisches Beispiel
langjähriger Belastungen gelten Wohnraumgifte wie PCP,
Dioxine und Lindan in Holzschutzmitteln oder Formaldehyd aus
Pressspanplatten. Auch bei Berufsgruppen, die über lange
Zeiträume mit Chemikalien in Kontakt gekommen sind - wie
Maler, Laborpersonal oder Chemiker - häufen sich die
Unverträglichkeitsreaktionen.
Das "Golfkriegssyndrom"
gilt als neues großes Beispiel für MCS. Viele
Kriegsveteranen leiden unter lähmender Müdigkeit,
Muskelschmerzen, Gedächtnisstörungen und erheblichen
Schlafproblemen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Schäden
durch chemische Waffen - eventuell in Zusammenhang mit
Medikamenteneinnahmen - hervorgerufen wurden.
Das
Chemikaliensyndrom wird von Umweltmedizinern als "erworbene
Umweltkrankheit" bezeichnet, die sich ganz klar von Allergien
und akuten oder chronischen Vergiftungen unterscheidet. Anders als
bei Allergien ist hier keine Sensibilisierung des Immunsystems
beobachtbar. Auch im Vergleich zu Vergiftungen zeichnet sich ein
anderer Verlauf ab: Der Betroffene reagiert - stoffunspezifisch -
auf alle Chemikalien. Die Symptome verschlimmern sich zunehmend
und werden schon bei geringsten - eigentlich wirkungslosen -
Schadstoffkonzentrationen ausgelöst.
Die Krankheit
läßt sich nicht heilen, altbewährte Therapien
gegen Allergien, Vergiftungen oder Immunstörungen versagen,
führen häufig noch zu Verschlimmerungen. Als einziger
Ausweg bleibt oft nur die völlige Vermeidung aller
Chemikalien.
Leben in völliger
Isolation Oft die einzige Rettung Um weitestgehend
beschwerdefrei leben zu können, müssen sich MCS-Kranke
ihre eigene, schadstofffreie Welt schaffen. Da Therapien versagen
und ein "normales" Leben nicht mehr möglich ist,
bleibt der Rückzug in die Abgeschiedenheit für sie
oftmals die einzige Überlebensstrategie.
In
Deutschland sind es bereits einige Tausend, die völlig
abgeschottet von der Außenwelt leben: In entlegenden
Gegenden, in Häusern mit karger Einrichtung, mit Möbeln
aus Metall und Glas, die minimale chemische Ausdünstungen
freisetzen. Das gesamte Lebensumfeld ist chemikalienfrei
gestaltet: Nahrungsmittel dürfen keine chemischen Zusätze
wie Geschmacksverstärker, Farb- und Konservierungsstoffe
enthalten, die Kleidung muss mehrmals biologisch gereinigt und vor
dem Tragen tagelang gelüftet werden, selbst Bücher oder
Zeitschriften müssen sich einer derartigen Lüftungsprozedur
unterziehen.
Auch in den USA sind nach Schätzungen
bereits einige zehntausend Menschen auf diese Weise ans Haus
gefesselt. Sie können keiner Arbeit und keinem normalen Leben
mehr nachgehen. Nicht jeder von ihnen kann sich jedoch ein eigenes
Spezialhaus leisten, viele leben daher abgeschieden in Zelten oder
Hütten.
Der Fall Cindy Duehring Der bislang schwerste und bekannteste
Fall von multipler Chemikalienunverträglichkeit ist der der
Amerikanerin Cindy Duehring. Nach der Behandlung ihrer Wohnung und
Kleidung mit einem Flohbekämpfungsmittel erlitt die damalige
Medizinstudentin 1985 einen Chemikalienschock, der sie zu einem
Leben in völliger Isolation zwang und nach 14-jähriger
Leidenszeit schließlich zum Tod führte.
Das von
einem Kammerjäger zur Flohbekämpfung unsachgemäß
eingesetzte Pestizid hatte ihr Immun- und Nervensystem so
nachhaltig geschädigt, dass schon der Kontakt mit geringsten
Spuren von Chemikalien zu lebensgefährlichen Anfällen
führte. Durch den Chemikalienschock hatte ihr Körper
Antikörper gegen seine eigenen Organe entwickelt. Mehrmals
musste sie nach Atemstillständen wiederbelebt werden,
mehrmals versagten ihre Nieren.
Nachdem ihre Beschwerden
immer lebensbedrohlicher wurden, zog Cindy Duehring in ein
hermetisch von der Außenwelt abgeschirmtes Spezialhaus - das
sie nie mehr verließ, denn "normale" Luft konnte
sie nicht mehr atmen. Selbst die Filterleistung von Atemmasken
reichten nicht aus. In ihrem Haus überlebte sie nur durch ein
künstliches Luftsystem, das die Außenluft über
mehrere Filteranlagen von chemischen Bestandteilen reinigte.
Besucher konnte sie nur empfangen, wenn sich diese langwierigen
und gründlichen Reinigungen unterzogen hatten - selbst
kleinste Spuren von Parfüm, Shampoo oder Pflegemitteln
konnten ihren Tod bedeuten.
Selbst Geräusche schädlich Duehrings Zustand
verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Konnte sie anfangs noch
über Telefon den Kontakt zur Außenwelt aufrecht
erhalten, wurden im Laufe der Zeit selbst Geräusche für
sie schädlich. So lösten auch Fernseher, Radio oder der
Computer bei ihr Anfälle aus. Auch auf Licht reagierte sie
zunehmend sensibler. Die Fenster mussten verdunkelt werden,
Glühbirnen durften 60-Watt nicht überschreiten. So lebte
sie abgedunkelt in völliger Stille.
Cindy Duehring
ließ sich dennoch nicht entmutigen: sie gründete und
leitete das Environmental Access Research Network (EARN). Eine
Organisation, die sich der Erforschung des Chemikaliensyndroms
verschrieben hat und mit der anderen Chemieopfern geholfen werden
soll. Mit der Außenwelt kommunizierte Duehring zuletzt nur
noch über Briefe. Sie forschte über ihre Krankheit,
beantwortete Fragen Betroffener, schrieb Artikel und vermittelte
Experten und Anwälte. Für ihre Arbeit wurde ihr 1997,
zwei Jahre vor ihrem Tod, der Alternative Friedensnobelpreis
verliehen.
Der eingebildete Kranke?
Die Odyssee von Arzt zu Arzt Zugegeben, man ist geneigt
Menschen, die so sensibel auf ihre Umwelt reagieren, eine gewisse
Hypochondrie und Hysterie zu unterstellen. Und wer gegenüber
seinen Arbeitskollegen oder gar dem Chef äußert, dass
ihn die Büroluft bleiern müde und krank macht, muss
damit rechnen als wehleidig und faul eingestuft zu werden. Die
Gesellschaft reagiert auf derartige Klagen gemeinhin mit
Unverständnis. Umweltkranke werden gerne als
Arbeitsverweigerer, Simulanten oder psychisch gestört
betrachtet.
"Subjektiv geäußerte Beschwerde ohne körperlichen
Befund" Haben sich die Betroffenen wirklich in eine
Psychose manövriert? Haben sie eine Art "Chemophobie"
entwickelt? Die These vieler herkömmlicher Mediziner lautet:
Nicht die Umweltgifte selbst, sondern die Angst vor ihnen macht
krank. Die Schulmedizin umschreibt das "Chemikaliensyndrom"
als subjektiv geäußerte Beschwerde ohne körperlichen
Befund, die auf eine vermeintliche Gefahrenquelle zurückgeführt
würden.
Kein Wunder, dass die Mehrzahl der Ärzte
tatsächlich die Psyche für die Leiden vieler
Umweltkranker verantwortlich macht. "Nur etwa in einem
Prozent der Fälle ist ein kausaler Zusammenhang zwischen
Umweltgiften und dem Krankheitsbild nachweisbar." - so
Hermann Ebel vom Klinikum Ludwigsburg auf einem Kongress der
Deutschen Gesellschaft für Psychatrie, Psychotherapie und
Nervenheilkunde. Dabei betont er immerhin, dass die Umweltkranken
dennoch keine Simulanten seien. Die Ursache ihrer Leiden könnten
- so der Wissenschaftler - in einem unverarbeiteten traumatischen
Erlebnis liegen.
Odyssee von Arzt zu Arzt Dabei kann schon die Odyssee von Arzt
zu Arzt in der Tat zu einem traumatischen Erlebnis werden. Trotz
vielfältiger Untersuchungen findet sich bei den Betroffenen
einfach kein körperlicher oder laborchemischer Befund. Ihre
Leiden werden in der Diagnose daher oftmals als psychosomatisch
eingestuft: der Patient hat ein psychisches Problem, aus dem sich
ein körperliches entwickelt hat.
So flüchten
viele Patienten, die sich von der Schulmedizin unverstanden
fühlen, zur Alternativmedizin. Die ganzheitlich orientierten
Ärzte wenden andere Diagnosemethoden und -therapien an, die
der chronischen Belastung des Organismus mit Umweltgiften Rechnung
tragen sollen. Auch erforschen sie die individuelle
Lebenssituation des Patienten - auf der Suche nach möglichen
Belastungsquellen wie Wohnraumgiften oder Amalgam.
Boom bei alternativen Ärzten Im Gegensatz zum
Schulmediziner - für einen Kassenpatienten bleiben ihm im
Schnitt zehn Minuten - nehmen sich die alternativen Ärzte für
die Erstellung eines individuellen Belastungsprofils viel Zeit -
die muss der Patient dann aber selbst zahlen. Auch die Kosten
alternativer Diagnosen und Therapien werden von den Krankenkassen
nur in den seltensten Fällen übernommen. Dabei ist nach
Meinung vieler Umweltmediziner gerade die Erforschung der
individuellen Lebensumstände wichtig. Denn das psychosoziale
Umfeld spiele bei Umwelterkrankungen eine entscheidende
Rolle.
Überhaupt streiten die Experten den Einfluß
der Psyche bei der Ausbildung von Empfindlichkeitsreaktionen nicht
kategorisch ab. So kann bei einem MCS-Geschädigten allein die
Entdeckung eines Geruchs zum Auftreten eines bestimmten Symptoms
führen: besteht die Erwartung, dass einem bei einem Geruch
übel wird, stellt sich die Übelkeit prompt ein. Einige
Mediziner führen dieses Phänomen auf einen einfachen
Lernprozess zurück, als konditionierte Reaktion auf neutrale
Reize.
Chemikalien oder Psyche? Dennoch betonen Umweltmediziner, die
Kranken würden sich die Symptome bei Leibe nicht nur
einbilden. Chemikalien blieben die Ursache der
Empfindlichkeitsreaktionen - oft halt unter Beteiligung der
Psyche. Gerade die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz solcher
Erkrankungen drängt viele Betroffene jedoch schnell in die
Rolle eines psychisch Labilen. So stehen Umweltkranke oft unter
einem enormen Leidensdruck, da sie trotz vielfältigen
medizinischen Untersuchungen keine befriedigende Erklärung
für ihre Beschwerden bekommen.
Glaubenskrieg um einen
Zahnfüllstoff Die Geschichte des Amalgams Die
Quecksilber-Plomben kamen aufgrund ihrer plastischen Eigenschaften
zu ihrem Namen: Amalgam - was aus dem griechischen stammt und
soviel bedeutet wie weich "amalos" und Vereinigung
"gamos". Als Werkstoff besitzt Amalgam phantastische
Eigenschaften: Er wird weich aufgetragen, füllt den kariösen
Zahn optimal aus, erhärtet und bekommt durch Politur
schließlich seinen letzten Schliff.
Mischung verschiedenster Schwermetalle Soweit zu den guten
Eigenschaften. Nun zu den Schlechten: Amalgam besteht aus einer
Mischung verschiedenster Schwermetalle und zwar zu etwa 50 Prozent
aus Quecksilber, aus einem hohen Prozentsatz Silber sowie
Beimengungen von Zinn, Kupfer und Zink. Und eben diese
Zusammensetzung macht ihn so umstritten. Amalgam wird für
eine Reihe von gesundheitlichen Beschwerden verantwortlich
gemacht, denn - so die Position der Amalgam-Gegner - aus den
Plomben lösen sich die Schwermetalle, reichern sich im
Organismus an und wirken gesundheitsschädlich.
So ist
um den Zahnfüllstoff mittlerweile ein unerbitterlicher Streit
entbrannt. Während für Amalgam-Verfechter der Füllstoff
gesundheitlich völlig unbedenklich ist, vergleichen Gegner
wie der Toxikologe Prof. Max Daunderer das Leiden durch Amalgam
gar mit der mittelalterlichen Pest. Gutachten und Gegengutachten
wechseln sich ab. Amalgam-Befürworter sprechen von
Panikmache, bleiben den Gegenbeweis der Unbedenklichkeit jedoch
schuldig.
Umstrittenes Amalgam Der Blick in seine Geschichte zeigt,
Amalgam war seit jeher umstritten. Seine Verwendung als
Zahnfüllstoff hat eine lange Tradition - so wie der Verdacht
seiner krankmachenden Wirkung. Vor 170 Jahren hat die
Quecksilberlegierung in den USA als Zahnfüllstoff erstmalig
Verwendung gefunden. Nachdem sich in der Folge unerklärbare,
diffuse körperliche Beschwerden häuften, wurde der
Füllstoff 1840 von der amerikanischen Regierung wieder
verboten.
Schon damals wurden die neu auftretenden
Erkrankungen mit dem Zahnfüllstoff in Verbindung gebracht.
Wissenschaftler berichteten über Nervenkrankheiten, die seit
der Verwendung des Amalgams auftraten. Zahnärzte - wegen der
Verwendung des krankmachenden Quecksilber häufig auch als
"Quacksalber" tituliert - wurden bei Zuwiderhandlung
nicht nur aus dem amerikanischen Ärzteverband ausgeschlossen,
zeitweilig stand auf die Verwendung von Amalgam sogar
Gefängnisstrafe.
Da Amalgam schon damals in seiner
Eigenschaft als günstiger und gut zu verarbeitender Füllstoff
überzeugte, wurde die Legierung trotz gesundheitlicher
Bedenken um 1855 wieder zugelassen. Einige Jahrzehnte später
wurde Amalgam daher auch in Europa eingeführt - und mit ihm
breitete sich das als "amerikanische Krankheit"
bezeichnete Nervenleiden aus.
Gefahr durch Quecksilberplomben In den 20er Jahren warnten
Toxikologen und Chemiker daher eindringlich vor der Gefahr der
Quecksilberplomben. In der Medizin war die krankmachende Wirkung
von Quecksilber schon lange bekannt. Bei Grubenarbeitern, die das
Schwermetall abbauten oder im handwerklichen Bereich, wo es
beispielsweise zur Glas- und Spiegelherstellung, zur Behandlung
von Leder, in der Töpferei oder zur Tintenherstellung
eingesetzt wurde, standen schwere Quecksilbervergiftungen bis hin
zu Todesfällen immer wieder auf der Tagesordnung.
Der
Deutsche Chemiker Prof. Alfred Stock hatte in den 20er und 30er
Jahren in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten die Auswirkungen
von Quecksilber auf den menschlichen Körper untersucht und es
als schweres Nerven- und Immungift eingestuft. Er kam zu dem
Schluß, dass die Zahnmedizin die Verwendung von Amalgam
völlig vermeiden sollte. Es herrsche kein Zweifel darüber,
so der Wissenschaftler, dass viele Symptome - darunter Müdigkeit,
Depression, Reizbarkeit, Schwindelgefühl und
Gedächtnisschwäche - oft durch Quecksilber hervorgerufen
würden, das in kleinen aber kontinuierlichen Mengen aus den
Plomben freigesetzt würde.
Seinen Ausführungen
fügte er die eindringliche Warnung hinzu: "Es wird dann
wahrscheinlich festgestellt werden, dass das gedankenlose
Einführen von Amalgam als Füllstoff für die Zähne
ein schweres Verbrechen an der Menschheit ist." Schon damals
entbrannte in Wissenschaft und Öffentlichkeit eine scharfe
Debatte, die der zweite Weltkrieg jedoch jäh unterbrach.
Milliarden von
Amalgamträgern Quecksilberplomben als Regelversorgung
Trotz Gesundheitsbedenken wurde Amalgam aufgrund seiner
günstigen Verarbeitungseigenschaften nach dem zweiten
Weltkrieg jahrzehntelang unangefochten, als einzige und billigste
Alternative im Kampf gegen kariöse Zähne eingesetzt.
Milliarden von Deutschen wurde so zu Amalgamträgern - ohne
über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt zu werden.
In Deutschland wurden noch Anfang der 90er Jahre jährlich
etwa 20 Tonnen Quecksilber zur Amalgamherstellung verbraucht.
Berichten der Bundesregierung zufolge sind 1989 ca. 37,8 Millionen
Amalgamfüllungen gelegt worden. Über 90 Prozent der
Deutschen waren so mit den Amalgamplomben ausgestattet.
Ein Werkstoff in der Kritik Seit Mitte der 80er Jahre geriet
der Werkstoff jedoch zunehmend in die Kritik. Seine möglichen
Gefahren führten in zahlreichen Ländern zum Verbot. So
ist die Verwendung von Amalgam in Singapur und in der ehemaligen
UdSSR seit Mitte der 80er Jahre untersagt. In Japan wird
Kunststoff von den Krankenkassen höher vergütet, so dass
die Zahnärzte kein Amalgam mehr verwenden. Schweden ist 1999
aus der Nutzung ausgestiegen, da Amalgam von den Krankenkassen
nicht mehr gezahlt wurde.
In Deutschland indes wurde der
Füllstoff vom Bundesausschuß der Zahnärzte und
Krankenkassen noch in den 90er Jahren als Regelversorgung für
Kassenpatienten vorgeschrieben. Zahnärzte, die umdachten,
ihre Patienten über die Risiken von Amalgam aufklären
und mit alternativen Werkstoffen versorgten, sahen sich oft
seitens der kassenärztlichen Vereinigung durch
Diziplinarverfahren bedroht. Hilfe kam schließlich vom
Bundessozialgericht. Dieses beurteilte die Richtlinien zur
Regelversorgung als rechtswidrig - jedoch nicht wegen möglicher
gesundheitlicher Gefahren durch das Amalgam, sondern da sie die
ärztliche Therapiefreiheit einschränkten.
Dies
bedeutet jedoch noch lange nicht, dass die Krankenkassen
alternative Zahnfüllstoffe zahlen. Für die Versorgung
der Zähne mit Kunststoff, Gold oder Keramik muss der Patient
tief in die Tasche greifen. Das Bundessozialgerichts entschied:
Patienten haben keinen Anspruch darauf, ihre umstrittenen
Amalgam-Zahnfüllungen wegen gesundheitlicher Probleme - mit
Ausnahme einer Quecksilber-Allergie - auf Kosten der Krankenkassen
austauschen zu lassen.
Produktion und Auslieferung von Amalgam eingestellt Während
in Deutschland Regierung, Gesundheitsbehörden und
Krankenkassen trotz Gesundheitsbedenken unverdrossen am
Problemstoff Amalgam festhalten, hat die Industrie schon längst
reagiert. Schon im Dezember 1993 stellte die Firma Degussa, bis
dahin größter Amalgamhersteller Deutschlands, die
Produktion und Auslieferung von Amalgam ein. Andere
Amalgamhersteller wie Heraeus und Procter & Gamble folgten.
Die Industrie erkannte schon früh, dass der umstrittene
Füllstoff bald unprofitabel werden könnte.
Zudem
fürchteten die Hersteller eine Flut von Klagen gesundheitlich
Betroffener, die erhebliche Schadensersatzforderungen nach sich
ziehen würden. So verwundert auch der Zeitpunkt des Ausstiegs
der Degussa nicht. Er erfolgte ein halbes Jahr nachdem im Juni
1993 die Desowag, eine Tochtergesellschaft der Bayer AG, in erster
Instanz vor dem Frankfurter Landgericht den
"Holzschutzmittel-Strafprozess" gegen mehrere Betroffene
verloren hatte.
Der Streit geht weiter...
Die Amalgamdebatte und kein Ende Nicht nur die
Amalgamhersteller zogen sich Anfang der 90er Jahre aus der
Produktion zurück, die Amalgam-Gegner bekamen auch durch eine
Reihe namhafter Studien und Gutachten Schützenhilfe. Das
"Kieler Amalgamgutachten", 1997 vom Kieler Institut für
Toxikologie erstellt, veranlasste die Staatsanwaltschaft des
Frankfurter Landgerichts schließlich zu folgender
Stellungnahme: "Von Amalgamplomben geht offenbar eine nicht
unerhebliche Gefahr für die menschliche Gesundheit aus.
Amalgam kann krank machen, das heißt, Amalgam ist generell
geeignet, gesundheitliche Beschwerden bei einer relevanten Anzahl
von Amalgamträgern auszulösen".
Amalgam-Befürworter unter Druck Die Studien und Gutachten
belegen die Freisetzung von Quecksilber aus Amalgamplomben sowie
dessen Anreicherung im Organismus. Damit entkräften sie die
gängigsten Argumente der Amalgam-Befürworter:
-Quecksilber
sei in den Plomben fest gebunden, es entweiche nichts -Die Menge
des beim Legen der Plomben freigesetzten Quecksilbers sei minimal,
es reichere sich nicht im Organismus an -Amalgamträger
wiesen keine erhöhten Quecksilber-Werte in Blut oder Urin
auf -Über Nahrung und Atemluft würde mehr Quecksilber
aufgenommen
Dass aus den Amalgamplomben sehr wohl
Quecksilber entweichen kann, bewies schon 1993 der "Tübinger
Speicheltest" des Instituts für Umweltanalytik. Die
Untersuchungen von 20.000 Speichelproben von Amalgamträger
ergaben: Amalgamfüllungen setzen ständig Quecksilber und
andere Schwermetalle frei. Dabei besteht eine lineare Abhängigkeit
zwischen dem Quecksilbergehalt im Speichel und der Zahl der
Füllungen. Bei 43 Prozent der Probanden wurden so die
Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Teil um ein
Vielfaches überschritten.
Wie aber gelangt das Quecksilber in den Speichel? Die im Mund
waltenden chemischen und mechanischen Kräfte vermögen
das Quecksilber aus den Plomben herauszulösen. Dies geschieht
in besonderem Maße beim Genuß heißer oder saurer
Getränke wie Tee, Kaffee oder Fruchtsäften. Gerade bei
Kaugummikauern oder Zähneknirschern kommt es zudem zu einem
erhöhten "Abrieb" der Plomben - und das nicht nur
bei schadhaften Füllungen.
Amalgamträger können
schon nach zehnminütigem Kaugummikauen Werte von bis zu
mehreren hundert Mikrogramm Quecksilber pro Liter Speichel
erreichen - die Trinkwasserverordnung erlaubt einen maximalen
Gehalt von nur einem Mikrogramm pro Liter (1µg/l). Auch
fleißiges Zähneputzen führt zur verstärkten
Freisetzung von Quecksilber durch die "abradierende"
Wirkung der Zahnbürste. Nach dem Putzen stieg in Versuchen
die Quecksilberkonzentration im Speichel auf durchschnittlich 157
µg/l, im schlimmsten Fall sogar auf 1426 µg/l. Die
Werte blieben ein bis zwei Stunden erhöht.
Quecksilber verdampft bei Körpertemperatur Die im Speichel
gelösten Schwermetalle gelangen über die Mundschleimhaut
oder den Magen-Darm-Trakt in die Blutbahn und so in den
Organismus. Was jedoch noch wesentlich schädlicher ist:
Quecksilber verdampft bei Körpertemperatur. So verflüchtigt
sich im Mund - je nach Alter und Qualität der Plomben, Eß-,
Kau- und Putzgewohnheiten der Träger - eine mehr oder weniger
große Menge an Quecksilber. Die giftigen Dämpfe
gelangen über die Nerven im Mund-Nasen-Raum auf direktem Wege
ins Gehirn oder aber durch das Einatmen über die Lunge in
Blutkreislauf und Organe. Das Quecksilber reichert sich - so die
Amalgam-Gegner - schliesslich dauerhaft in Niere, Leber,
Gallenblase, Schilddrüse, Herz, Fettgewebe, Knochenmark und
vor allem im Gehirn an.
Bewiesen werden konnte die
Anreicherung im Organismus durch den eindeutigen Zusammenhang
zwischen der Anzahl mütterlicher Plomben und der
Quecksilberbelastung des Neugeborenen. Auch die Obduktion von 168
Leichen am Münchner Institut für Rechtsmedizin festigte
diese These: Die Speicherorgane Niere, Leber und Gehirn der
Verstorbenen waren stark mit Quecksilber belastet. Dieses stammte
eindeutig aus Amalgamlegierungen und seine Konzentration
korrelierte mit der Zahl der Füllungen.
Die
entscheidende Quelle der Quecksilberbelastung des Menschens
besteht demnach nicht aus der Aufnahme über Nahrung oder
Luft, sondern aus der Freisetzung aus Amalgamfüllungen. Diese
ist um ein vielfaches höher und aufgrund ihrer
Dampfförmigkeit zudem gefährlicher.
Spitzenbelastungen beim
Legen der Plomben Dauerhafte Anreicherug in Tierversuchen
bewiesen Besonders hoch ist die Quecksilberbelastung beim
zahnärztlichen Legen und Polieren der Füllungen. Die
weiche Amalgam-Legierung wird schichtweise in den Zahn
eingebracht. Das Erhärten der Oberfläche dauert mehrere
Tage, die des Kerns sogar mehrere Wochen bis Monate. Dabei
verdampfen hohe Mengen an Quecksilber. Beim Polieren der Plomben
werden noch einmal erhebliche Mengen an Quecksilber- und
Zinndämpfen freigesetzt. So hält selbst das
Bundesgesundheitsamt in seinen Ausführungen über die
Nebenwirkungen des "Arzneimittels" Amalgam fest: "Durch
das Legen von Amalgamfüllungen kommt es zu einer Erhöhung
der Quecksilberkonzentrationen in Blut und Urin."
Laut
Amalgam-Gegnern verbleibt das Quecksilber nach derartigen
Spitzenbelastungen jedoch nur für wenige Tage in Blut oder
Urin - und ist so auch nur für kurze Zeit nachweisbar. Ein
Teil wird ausgeschieden, ein anderer lagert sich eben im
Organismus ab. So sind in Blut und Urin von Amalgamträgern in
den seltensten Fällen erhöhte Quecksilberwerte
festzustellen, der laborchemische Befund ist unauffällig. Und
genau mit diesem Umstand argumentieren die Amalgam-Befürworter:
Die gemessenen Belastungen lägen unter den WHO - Grenzwerten.
Dabei sage die Konzentration in Blut und Urin nichts darüber
aus, wieviel Quecksilber in den Speicherorganen angereichert ist -
entgegnet die andere Seite.
Gorilla © IMSI MasterClipsWie der Organismus allein
durch das Legen von Amalgamplomben dauerhaft mit Quecksilber
belastet wird, konnte anhand zweier kanadischer
Tierversuchsstudien gezeigt werden. Schafen und Affen wurden
radioaktiv markierte Füllungen eingesetzt und die Tiere
daraufhin radiologisch durchleuchtet. Bereits nach 24 Stunden
waren Gehirn, Rückenmark, Nebenniere, Darmwand und die
Hormondrüsen mit Quecksilber verseucht. Die Konzentrationen
waren auch noch ein halbes Jahr nach dem Experiment in den Organen
nachzuweisen - sie waren eben nicht problemlos wieder
ausgeschieden worden.
Doch die Amalgam-Befürworter
erkennen das Experiment nicht an: die Ergebnisse seien nicht
übertragbar, da Schafe und Affen genetisch vom Menschen zu
weit entfernt seien. Diese Aussage ist bemerkenswert, wenn man
bedenkt, dass es in der pharmazeutischen Industrie gang und gäbe
ist, die Nebenwirkungen von Medikamenten in Tierversuchen -
zumeist an Ratten - zu testen.
Was kaum jemand weiß:
Die zahlreichen Studien haben auch die Behörden in
Deutschland zum Umdenken bewegt. Durch das Bundesgesundheitsamt
und dessen Nachfolgebehörde das Bundesinstitut für
Arzneimittel und Medizinprodukte wurden seit Anfang der 90er Jahre
schrittweise Einschränkungen ausgesprochen. Der Tenor:
Amalgam sollte nur noch in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen.
"Zahnärztliche Amalgame stellen eine wesentliche Quelle
der Quecksilberbelastung der Bevölkerung dar" und daher
sollte "die Zahl der Amalgamfüllungen für den
einzelnen Patienten so gering wie möglich sein."
Dennoch kam eine durchgeführte Risikobewertung des
Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte vor
einem Jahr zu dem Schluss: Ordnungsgemäß gelegte
Amalgamfüllungen schaden der Gesundheit nicht. Doch die
Realität sieht anders aus: Untersuchungen hatten ergeben,
dass der Zustand von ca. 80 Prozent der in deutschen Arztpraxen
gelegten Amalgamplomben mangelhaft ist. Der Streit geht also
weiter...
Die Dosis macht das Gift
Chronische Quecksilbervergiftung
Gehirn © Forschungszentrum JülichDie Skepsis
gegenüber der Vielzahl der Krankheitssymptome, für die
Amalgam verantwortlich gemacht wird, ist verständlich.
Reichen diese doch von A wie Antriebslosigkeit bis Z wie Zittern.
Sicherlich neigt ein Kranker, der seine Leiden auf Amalgam
zurückführt, schnell dazu jegliche
Befindlichkeitsstörung - sei es Konzentrationsschwäche,
Müdigkeit, Unruhe, Reizbarkeit oder Kopfschmerzen - seinen
Quecksilberplomben zuzuordnen. Dennoch, auch diese Symptome passen
häufig in das Gesamtbild einer Amalgamerkrankung.
Dabei
ist es ein weitverbreiteter Irrglaube, dass nur bei Menschen, die
eine Allergie gegen den Füllstoff entwickelt haben,
gesundheitliche Schäden auftreten können. Es ist jedoch
die chronische Überlastung des Organismus mit den überaus
giftigen Schwermetallen Quecksilber und Zinn, die vielen zu
schaffen macht.
Amalgamkranke zeigen in der Regel die
typischen Symptome einer Quecksilbervergiftung wie sie in der
Medizin seit langem bekannt sind. Zwar entwickeln viele
Amalgamträger eine Allergie, dennoch spielt diese bei einer
krankmachenden Wirkung des Amalgams eine untergeordnete Rolle.
Niemand würde schließlich nach der Einnahme von
Zyankali behaupten, eine Allergie gegen das Gift wäre sein
Problem.
Einmal abgesehen von akuten Vergiftungsschüben
wie sie beim Legen oder auch Entfernen der Plomben auftreten
können, geschieht die Belastung des Organismus langandauernd
und in kleinen Dosen - die für sich gesehen nicht unbedingt
schädlich sind. Nicht die Einzeldosis, sondern die
akkumulierte Wirkung des Giftes wird zur Gefahr.
Ob und
wie Amalgam krank macht, entscheidet die körperliche
Konstitution des Einzelnen. So vertragen manche Amalgamträger
eine hohe Zahl an Füllungen besser als andere, die schon bei
wenigen Füllungen heftige Symptome entwickeln. Der
Entgiftungsmechanismus des Körpers - über Niere und Haut
- ist dann überfordert, denn er kann die angesammelten
Giftmengen nicht mehr bewältigen. Ihre schädliche
Wirkung kann immer weniger ausgeglichen werden, der Vergiftete
wird zunehmend kränklicher. Die hohe Halbwertszeit des
Quecksilbers von 18 Jahren macht zudem deutlich: das Gift bleibt
für sehr lange Zeit im Körper.
Bei der
unterschiedlich ausgeprägten Entgiftungsfähigkeit des
Körpers spielt oft die Vorbelastung mit anderen Umweltgiften
- etwa durch eine langjährige Exposition mit Wohnraumgiften
wie Holzschutzmittel oder Formaldehyd - eine Rolle. Forscher
halten es zudem für möglich, dass bereits im Mutterleib
eine Belastung des Ungeborenen stattfindet.
Quecksilber
wird als schweres Nerven- und Immungift eingestuft, das den Körper
an vielen Stellen gleichzeitig schädigt. Es besitzt eine hohe
Affinität zu Schwefel, welcher im Körper vor allem in
den Proteinen von (Nerven)zellen und in vielen lebenswichtigen
Enzymen vorkommt. Dort lagert sich Quecksilber an und legt so
Stoffwechselvorgänge lahm und blockiert Enzyme. Schutz vor
der Beeinflussung des sensiblen Nerven- und Hirnstoffwechsels
bietet die so genannte "Blut-Hirn-Schranke".
Quecksilbers vermag jedoch durch die im Organismus stattfindende
Umwandlung in organisches Methyl-Quecksilber diesen Filter zu
passieren.
Zudem stellt sich ein höchst bedenklicher
Effekt ein: Quecksilber bindet andere in Nervenzellen abgelagerte
Gifte wie Dioxine, Pestizide, Formaldehyd. Die verschiedenen
Schadstoffe potenzieren sich in ihrer Giftwirkung. So verstärkt
Formaldehyd die schädliche Wirkung des Quecksilbers um ein
Vielfaches. Experten sehen darin eine Erklärung, warum
Amalgamgeschädigte so empfindlich gegenüber anderen
Umweltgiften reagieren
Krankmacher Amalgam
Vielfältige Gesundheitsstörungen Die
Anfangssymptome einer chronischen Amalgambelastung beginnen oft
schleichend und gleichen gewöhnlichen Beschwerden. So werden
Konzentrationsprobleme und leichte Vergesslichkeit zunächst
als normal empfunden. Die Gedächtnisleistung kann im Verlauf
jedoch so beeinträchtigt sein, dass Betroffene nicht mehr in
der Lage sind, einen Zeitungsartikel zu erfassen oder einer
Sendung im Fernsehen zu folgen. Charakteristisch ist zudem die
Resistenz vieler Krankheiten trotz ärztlicher Therapien. So
werden diese Menschen ihre Erkältung nicht los oder leiden
trotz Medikamentengabe immer wieder unter hartnäckigen
Darmpilzen.
Nervenschädigungen © CDCDa Quecksilber die
Nerven angreift, wirkt es auf die Psyche ein, was sich häufig
in Nervosität, Schlafstörungen aber auch in Depressionen
und Antriebslosigkeit äußert. Schwere Störungen
des Nerven- und Hirnstoffwechsel können neurologische
Ausfälle wie Gedächtnis-, Seh- und Sprachstörungen
sowie Taubheitsgefühle und Lähmungen in Armen und Beinen
verursachen.
Zudem betätigt sich Quecksilber als
wahrer Immunkiller. Abwehrzellen werden vernichtet und stehen dem
Körper nicht mehr ausreichend zur Verfügung. Da es
antibiotisch wirkt, zerstört es Mund- und Darmflora. Doch
gerade eine gut funktionierende Darmflora ist wichtig für das
Immunsystem. Und ist das erst einmal geschwächt, haben
Krankheitserreger wie Viren, Bakterien und Pilze leichtes
Spiel. Amalgamgeschädigte leiden unter häufigen Infekte
wie Erkältungen, Blasenentzündungen oder
Darmerkrankungen.
Doch nicht nur Krankheitserreger, auch
allergen wirkende Stoffe wie Pollen, Hausstaub, Milben, Tierhaare
und chemische Stoffe machen ihnen über die Maßen zu
schaffen. Allergien bilden sich aus, Hautausschläge,
Neurodermitis, Asthma sind die Folge. Der starke Anstieg von
Allergien - insbesondere bei Kindern - wird im Zusammenhang mit
Amalgam diskutiert. Auch eine plötzlich ausgebildete
Überempfindlichkeit auf alltäglich vorkommende
Chemikalien, das so genannte "MCS-Syndrom", wird unter
anderen auf die schädigende Wirkung des Amalgams
zurückgeführt.
Als mögliche Spätfolgen
ziehen Experten degenerative Nervenkrankheiten wie Parkinson,
Alzheimer oder Multiple Sklerose in Betracht. Durch die beständige
Schwächung des Immunsystems kann es zur Ausbildung von
Autoimmunkrankheiten kommen, bei der sich das Abwehrsystem gegen
den eigenen Körper richtet. Eine vom Bundesministerium für
Bildung, Wissenschaft und Technologie (BMBF) geförderte
Studie am Hygiene-Institut der Universität Düsseldorf
weist auf eben diesen Zusammenhang hin. Auch die
Gehirn-Untersuchungen von an Alzheimer verstorbenen Patienten
ergab beunruhigendes: Nicht wie erwartet das in Verdacht geratene
Aluminium, sondern hohe Mengen an Quecksilber wurden gefunden.
Und und und und...... was noch alles auf Sie
einwirkt, ausser....
aus Geowissenschaften übernommen ! Stand
21.05.2002
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