Wenn man überhaupt
einen Zeitpunkt als die Geburtsstunde des Übersee-Amateurfunks bezeichnen
kann, so ist es der 27. November 1923. Damals gab es schon einige tausend
Funkamateure in den Vereinigten Staaten und immerhin Hunderte in Europa,
die sich mit selbstgebauten kleinen Sendern und Empfängern quer über
den jeweiligen Kontinent unterhielten. Ständig tüftelten sie
an ihren Geräten herum, verbesserten die Sendeleistung, die Empfindlichkeit
der Empfänger und ihre Antennen. Besonders weit war man in den USA,
denn hier bestand schon seit 1914 eine große offizielle Funkamateur-Organisation
mit eigenem Mitteilungsblatt. Im Laufe der Jahre stiegen die überbrückten
Entfernungen, Stationen an der Westküste verkehrten direkt mit anderen
Funkamateuren an der Ostküste der USA. Nur mit Funkamateuren jenseits
des Atlantiks, etwa in England und Frankreich, hatte man seltsamerweise
bisher keine Funkverbindung herstellen können. So wurde ein Großversuch
beschlossen: Die amerikanischen Stationen richteten ihre Antennen auf Europa
aus und schickten zudem einen erfahrenen Funkamateur hinüber, im Gepäck
den damals modernsten Empfänger. In Schottland baute er seine Station
auf, und tatsächlich konnte er im Laufe einiger Abende auf der Wellenlänge
von 270 Meter über 30 amerikanische Funkamateure empfangen.
Doch noch stand die erste Zweiweg-Verbindung aus. Der Franzose Léon Déloy aus Nizza reiste 1923 in die USA, informierte sich über die dort ersonnenen technischen Neuerungen, kaufte moderne Bauteile ein und verabredete einen neuen Versuch. Am 27. Novembcr war alles bereit: In Nizza saß Déloy vor seinen Geräten, und in Hartford im US-Bundesstaat Connecticut mehrere amerikanische Funkamateure in der Station ihres Clubs. Der Jubel war groß, als sie gegen 21 Uhr 30 die Morsezeichen aus Nizza vernahmen; und als er kurz darauf die Antwort empfing, jubelte auch Leon Déloy: Der Versuch war gelungen, zum erstenmal hatten Funkamateure den Atlantik überbrückt. Der Erfolg ging durch die Presse, und in vielen Ländern schossen nun Radioclubs wie Pilze aus dem Boden.
Die drahtlose Nachrichtenübertragung war damals schon einige Jahrzehnte alt. 1888 hatte der deutsche Physiker Heinrich Hertz bewiesen, dass es die von dem englischen Physiker James Clark Maxwell vorausgesagten elektromagnetischen Wellen tatsächlich gibt: Ausgesandt von elektrischen Funken, konnte er sie in einigen Metern Entfernung nachweisen. Für ihn waren sie nur eine Laborkuriosität. Doch bald begannen in aller Welt Bastler, mit diesen Wellen Versuche anzustellen. Am erfolgreichsten war der Italiener Guglielmo Marconi, der zunächst in seinem Elternhaus, dann unter Mithilfe der britischen Postverwaltung in England experimentierte und schon 1897 mittels Morsesignalen eine Entfernung von fünf Kilometern überbrückte. Im April 1899 wurde eine Verbindung England- Frankreich hergestellt, und im November empfing der von Marconi mit einer Funkstation ausgerüstete Dampfer 'St. Paul' über 105 Kilometer Entfernung Nachrichten vom Festland. Am 12. Dezember 1901 gelang dem Erfinder, was fast allen Fachleuten unmöglich erschienen war: die drahtlose Überbrückung des Atlantik. Denn zuvor war man der Meinung, die Radiowellen breiteten sich wie das Licht aus, könnten also nicht der Erdkrümmung folgen.
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Guglielmo Marconi (um 1925)
Damit stand der Aufnahme eines weltweiten drahtlosen Telegrafieverkehrs nichts mehr im Weg. Immer neue, immer größere und modernere Funkstationen entstanden. Die ersten Stationen arbeiteten tatsächlich noch mit gewaltigen elektrischen Funken und vergleichsweise unempfindlichen Empfangseinrichtungen, doch nach Erfindung der Elektronenröhre als Verstärker wurden die Empfänger zunehmend handlicher und empfindlicher. Nicht nur die Nationen untereinander tauschten so Telegramme aus, vor allem Schiffe nahmen Funkstationen an Bord. Zuvor war ein Schiff auf dem Weltmeer völlig allein und auf sich gestellt gewesen, kaum dass es jenseits des Horizonts war; seine drahtlose Station aber gah ihm nun die Möglichkeit, mit der Welt ständig in Verbindung zu bleiben und im Notfall Hilfe herbeizurufen. Das zeigte sich besonders eindrucksvoll, als der englische Luxusdampfer 'Titanic' 1912 einen Eisberg rammte und sank: Nur dank seiner SOS-Rufe konnten wenigstens 711 Menschen gerettet werden.
Damals gab es schon über 500 Küstenfunkstellen und rund 3000 Schiffsstationen, und es wurde Zeit, Ordnung zu schaffen: Die Frequenzen wurden zwischen den verschiedenen Benutzern aufgeteilt, und den wenigen schon damals aktiven Funkamateuren überließ man den, wie man aufgrund physikalischer Überlegungen glaubte, nutzlosen Bereich unter 300 Meter Wellenlänge.
Während des ersten Weltkrieges schritt die technische Entwicklung rasch voran, und Anfang der 20er Jahre wurde sie in Form des Rundfunks auch der breiten Allgemeinheit zugänglich. Wieder wurden die Frequenzen knapp, und die Funkamateure schließlich immer mehr ins Gebiet der kurzen Wellen abgedrängt.
Doch während die kommerziellen
Überseestationen - in Deutschland etwa Eilvese bei Hannover und Nauen
bei Berlin - gewaltige Anlagen waren, die mit weitgespannten Antennennetzen
und 'Hochfrequenzmaschinen' von über 1000 Kilowatt erzeugten, vollbrachten
zum allgemeinen Erstaunen die Funkamateure auf ihren Kurzwellen Ähnliches
mit geradezu lächerlich kleinen Anlagen und Leistungen - die Überbrückung
des Atlantik ebenso wie die größtmögliche irdische Entfernung
überhaupt, die Ende 1924 der l6jährige Schüler W. Goyder
in London durch ein Morsegespräch mit einem Funkamateur in Neuseeland
zustandebrachte.
Allerdings waren diese Verbindungen sehr dem Zufall unterworfen. Inzwischen wissen wir, dass zwar Funkwellen längerer Frequenz sehr wohl der Erdkrümmung folgen, die Kurzwellen jedoch von einer Atmosphärenschicht in einigen hundert Kilometern Höhe - der Ionosphäre - reflektiert werden. Die Eigenschaften dieser Schicht ändern sich jedoch ständig mit Tages- und Jahreszeit und mit der Sonnenaktivität, und damit die Möglichkeiten von Fernverbindungen. Deshalb kam sehr früh die Sitte auf, solche Weitverbindungen per Postkarte zu bestätigen. Viele Amateure gestalteten diese 'QSL-Karten' graphisch sehr hübsch; sie sind begehrte Sammelobjekte und auch heute Nachweis erfolgreicher Verbindungen.
Mit ihrem weltumspannenden Netz von Stationen halfen die Amateure mit, das Geheimnis dieser Fernausbreitung und ihre Eigenschaften zu enträtseln und wenn auch rasch kommerzielle Funkstationen den Kurzwellenbereich besetzten, ließ man doch bestimmte Frequenzen im Kurz- und im Ultrakurzwellenbereich für die Amateure frei.
Heute gibt es Funkamateure in fast allen Ländern der Welt, und sie sind (außer in einigen Diktaturen) wohlgelitten, bilden sie doch ein Potential technisch interessierter, das Funkwesen begeistert fördernder Menschen, die ihre Kenntnisse bei einer Prüfung unter Beweis stellten und dafür ein international gültiges Rufzeichen zugeteilt bekamen. Diese Prüfung vor allem unterscheidet Funkamateure von CB-Funkern. CBler brauchen keine Kenntnisse nachzuweisen, dürfen dafür aber nur mit gekauften, postzugelassenen Geräten kleinster Leistung in einem bestimmten Frequenzbereich senden und an diesen Geräten auch keine Veränderungen vornehmen. Ein Funkamateur aber muß zunächst bei seiner Oberpostdirektion eine richtige Ptüfung ablegen. Dabei werden seine Kenntnisse im Bau von Sendern, Empfängern, Antennen und Meßgeräten geprüft, er muß die einschlägigen Gesetze beherrschen und schließlich die im Amateurfunkbetrieb üblichen Regeln und Abkürzungen kennen. Und will er nicht nur im Ultrakurzwellengebiet senden, sondern auch auf Kurzwelle weltweite Verbindungen herstellen, muß er gute Morsekenntnisse nachweisen. Jede Funkverbindung hält er exakt in einem Logbuch fest, das im Falle von Störungen als Dokument gilt. Er darf weder kommerzielle Nachrichten noch Musik oder gar Beleidigungen ausstrahlen, sondern nur technische Mitteilungen und persönliche Bemerkungen, etwa übers Wetter. Dafür allerdings darf er seine Funkgeräte selbst bauen, auch mit im Vergleich zu CB hohen Sendeleistungen arbeiten und außer Sprechfunk und Morsen zum Beispiel Bilder und Schrift übertragen.
Denn der Amateurfunk bietet heute ein vielfältiges Bild. Längst ist das Morsen auf Kurzwelle nicht mehr die einzige
Funkverkehr aus dem fahrenden Auto
Möglichkeit, sondern man kann sich eines unter einem guten Dutzend von Spezialgebieten aussuchen. Ein Großteil aller Amateure ist nach wie vor auf der Kurzwelle aktiv; nur wenige allerdings beschränken sich aufs Morsen. Diese Betriebsart bietet jedoch immer noch den Vorteil, mit einfachsten Geräten auszukommen und trotzdem ein Höchstmaß an Reichweite zu bieten. Wer nicht Morsen will, kann sich auch in normaler Sprache unterhalten. Für weltweite Verbindungen sollte man dann allerdings wenigstens Englisch können; im Morseverkehr sind Sprachkenntnisse von zweitrangiger Bedeutung, weil man mit einem System von international vereinbarten Abkürzungen alle wichtigen Daten übermitteln kann.
Besonders japanische Firmen haben sich den Amateurfunkmarkt erschlossen und bieten inzwischen Geräte an, die ohne teure Meßeinrichtungen und Spezialkenntnissen in dieser Qualität kaum noch zu erstellen sind. Das gilt besonders für die Kleinstausführungen, die im Auto betrieben werden können. Es ist heute nicht allzu schwicrig, aus dem geparkten oder sogar (bei guter Entstörung) aus dem fahrenden Auto heraus mit einer kleinen Spezialantenne auf dem Wagendach eine Funkverbindung etwa nach Mittelamerika herzustellen.
Die meisten Amateure funken aus
ihrem Auto heraus freilich auf der UItrakurzwelle. Diese Wellen mit Frequenzen
um 145 Megahertz (145 Millionen Schwingungen pro Sekunde) erlauben zwar
nur eine direkte Reichweite von einigen Kilometern - es sei denn, man steht
auf einem Berg -, aber in den letzten zwanzig Jahren ist ein ganz Deutschland
dicht überziehendes Netz von 'Relaisstationen' entstanden - automatische
Sende- und Empfangsanlagen, von Amateuren auf Bergen oder hohen Gebäuden
errichtet, die das schwache Funksignal etwa einer Autostation aufnehmen,
verstärken und wegen ihrer guten Sendelage mit großer Reichweite
wieder abstrahlen. Dank dieser Relaisfunkstellen können selbst kleinste
Ultrakurzwellen-Funkgeräte mitunter weit über hundert Kilometer
überbrücken - ein Funkamateur kann zum Beispiel mit einem tragbaren,
batteriebetriebenen Gerätchen mit dem Leistungsverbrauch einer kleinen
Taschenlampe und kaum größer als seine Handfläche bei Nürnberg
stehen und sich mit einem Funkfreund in Norditalien unterhalten, wobei
ein Relais auf der Zugspitze die Verbindung herstellt.
Die Relais mit der größten
Reichweite allerdings sind die Oscar-Amateurfunksatelliten: Gebaut und
betrieben von fachkundigen Amateuren, wurden sie im 'Huckepack-Verfahren',
etwa zusammen mit Nachrichten- oder Wettersatelliten, in die Umlaufbahn
gehievt und erlauben mit kleinen Sendeleistungen Überseefunkverkehr
auf der Ultrakurzwelle. Allerdings ist der Antennenaufwand nicht unbeträchtlich.
Die Richtantennen müssen während der Verbindung ständig
auf den schnell wandernden Satelliten ausgerichtet bleiben; heute übernehmen
meist Kleincomputer diese Aufgabe.
Überhaupt hat das Computerzeitalter
auch in den Funkbuden der Amateure kräftige Spuren hinterlassen. Die
Geräte dienen zum Beispiel zur fast automatisierten, fehlerfreien
Übertragung von schriftlich geführten Funkverbindungen über
mehrere Relaisfunkstcllen hinweg auf der Ultrakurzwelle oder zum Empfangen
und Aussenden von Funkfernschreibsignalen oder auch Morsesignalen auf der
Kurzwelle. Sie erlauben den Empfang von Wettersatellitenbildern und helfen
beim Führen des Logbuchs.
Amateurfunk
in der Schwerelosigkeit: Astronaut Reinhard Furrer an Bord des Space-Lab
Wettbewerb als Katastrophenübung
Spannender noch, als sich fernschriftlich zu verständigen, ist es, dem Funkfreund ein Bild von sich selbst, von der Funkbude, von der Frau oder der Hauskatze zu senden. Das geht - und wird von einigen Funkamateuren betrieben - in der herkömmlichen Fernsehnorm, nur eben im Amateurfunk- frequenzbereich. Aber wenn man nicht gerade über Satellit arbeitet, ist die Reichweite recht gering - wer nennt schon einen Fernsehturm sein eigen. Besser und für Normalzwecke völlig ausreichend ist ein vor einigen Jahren von Amateuren ersonnenes Spezialverfahren, das SSTV.
Während das übliche Fernsehen 25 Bilder pro Sekunde überträgt, sind es hier nur acht Bilder pro Minute. Doch dafür lassen sich diese Standbilder sogar mit einem normalen Tonbandgerät speichern und mit einem herkömmlichen Kurzwellen - Gerät aussenden und empfangen. Dazu wird das Bild elektronisch zeilenweise abgetastet und die Helligkeitswerte in hörbare Töne unterschiedlicher Frequenz umgesetzt. Beim Empfangen wandelt eine Elektronik dieses Gezwitscher dann wieder in ein Bild um, das auf dem TV-Schirm oder Monitor des PCs erscheint. Außer einer kleinen Kamera und einem Bildschirm braucht man nur etwas elektronisches Bastelgeschick, um an dieser weltweiten Standbildübertragung teilnehmen zu können - oder man kauft sich ein fertiges Gerät. Es lassen sich auf diese Art auch Farbbilder ohne Weiteres übertragen.
Die Öffentlichkeit nimmt von Funkamateuren meist nur Notiz, wenn sie wieder einmal bei Unglücken Hilfe geleistet oder den Notruf nach einem seltenen Medikament schnell übermittelt haben. Bei der Überschwemmungskatastrophe von Hamburg 1962 halfen Funkamateure mit ihren tragbaren Geräten ebenso wie etwa bei den Erdbeben in Nicaragua und Armenien. Viele Amateure üben regelmäßig solche Katastrophenhilfe,
Schwatz von Kontinent zu Kontinent
indem sie mit kleinen Funkgeräten auf die 'grüne Wiese' ziehen und von dort mit schnell aufgestellten Antennen Funkbetrieb durchführen - der Strom kommt bei diesen 'Fielddays' ('Feld-Tagen') aus Batterien oder von einem Notstromaggregat. Meist sind solche Übungen mit Wettbewerben verbunden: Ziel ist, innerhalb einer bestimmten Zeit möglichst viele und möglichst weite Verbindungen herzustellen. Belohnung ist ein Diplom, das sich der Sieger in seiner Funkbude aufhängen kann. Funk-Wettbewerbe der verschiedensten Art finden an fast jedem Wochenende statt.
Für manche Amateure stellt die Wettbewerbsatmosphäre und das Sammeln von Diplomen aus aller Welt den Hauptreiz ihres Hobbys dar - andere wollen vielleicht nur mit einem Funkfreund in Südamerika, Australien oder Japan gemütlich schwatzen. Sie setzen sich zum Beispiel am Winterabend an ihr Gerät, suchen sich eine freie Frequenz, rufen 'CQ'- die Abkürzung für 'An alle' - und freuen sich, wenn sich auf ihren Anruf vielleicht ein Funker meldet, der am anderen Ende der Welt im Sonnenschein unter Palmen sitzt.
An diesem spannenden, völkerverbindenden Hobby teilzunehmen, ist heute nicht schwer. Allein in Deutschland gibt es schon über 60 000 Funkamateure, darunter ein hoher Anteil Frauen. Die nötigen Kenntnisse kann man sich aus Büchern bzw. von Morsekursen auf Kassetten erarbeiten; solche Unterlagen gibt es, ebenso wie weitere Informationen, beim Club der deutschen Funkamateure, dem DARC (Baunatal), der auch die Monatszeitschrift 'CQ-DL' herausgibt. Und wer sich den Selbstbau der Geräte nicht gleich zutraut, kann die Grundausstattung neu oder gebraucht erwerben. Ein Draht übers Dach gezogen - und schon kommt die Welt ins Wohnzimmer.
Text aus dem 'Was ist was - Jahrbuch
1992'. Artikel geschrieben von Otto Bach. Bearbeitet von Sebastian Janke.